Kettelstorf - Nachrichten - Top-Thema - Großer Bericht

Ausschnitt aus der Allgemeinen Zeitung der Lüneburger Heide vom 02.10.1996:

kl Kettelstorf. Der Mann im blauen Overall ist außer sich vor Wut. Als die Motorsägen aufkreischen, rennt er in panischer Verzweiflung auf Horst M. zu, der die Szenen per Video festhält, schreit: "Du auch, jetzt bist du dran!" Er richtet die Waffe auch auf den Mann mit der Kamera und drückt ab. Das Videobild verwackelt. Chaos. Blauer Rauch liegt in der Luft. Wildwest in Kettelstorf.

So endet eine gut zehn Sekunden lange Videoaufnahme, die ausschnittsweise die dramatischen Szenen eines Zwischenfalls wiedergibt, der in dem Ort für Gesprächsstoff sorgt. Als der Schuß gefallen ist, weiß der Videofilmer noch nicht, daß auf ihn und andere Personen "nur" eine Schreckschußpistole gerichtet war. Er rennt davon, alarmiert die Polizei.
Die Schießerei ist, wie kurz berichtet, der unrühmliche Höhepunkt eines schon seit längerem schwelenden Streits zwischen dem 46jährigen Werner S. und dessem Hausvermieter Wilhelm O.

High noon in Kettelstorf: Der Grundeigentümer, ein Bauer aus dem Dorf, rückte um kurz vor zwölf mit sechs Mann Verstärkung an, um auf dem vermieteten Gartengrundstück "Rückschnittarbeiten" auszuführen. Angeblich notwendig für einen verbesserten Lichteinfall auf das Haus, in dem Mieter S. Durchfeuchtungsschäden monierte.
Da die Gruppe befürchtete, daß es mit S. "Probleme geben würde", sollten die Arbeiten "zur Beweissicherung dokumentarisch" festgehalten werden. Daher der Videofilm.



Auf Video wurden die dramatischen Szenen festgehalten. S. fühlt sich bedroht - er schießt

Und deswegen auch das Anrücken der insgesamt siebenköpfigen Mannschaft: Der Baumschnitt sollte so angeblich möglichst schnell, sauber und ohne Störungen für alle Betroffenen erledigt werden. Ob die Aktion des Grundeigentümers dem Mieter denn rechtzeitig angekündigt worden sei? Am Nachmittag des Vortages, so erklärt die Ehefrau des Vermieters gegenüber der AZ, sei der Hinweis in den Briefkasten am Haus geworfen worden. "Zu spät", erläutert der mittlerweile vom Hausbewohner beauftragte Rechtsanwalt Christoph Hinkelmann die gesetzlichen Fristen.
Die handfeste Auseinandersetzung hat nun die zivilrechtliche Ebene verlassen: Sowohl Mieter Werner S. als auch Hauseigentümer Wilhelm O., Videofilmer Horst M. und ein weiterer Betroffener haben im Laufe der Woche Strafanzeigen gestellt.

Der Mieter, nach eigenen Angaben wegen eines schweren Herzkreislaufleidens Frührentner und einst als leitender Computerfachmann in Zürich tätig, erhebt Vorwürfe der versuchten gefährlichen Körperverletzung und Bedrohung. Gegen ihn sei eine knatternde Motorsäge gerichtet worden. Körperverletzung ist auch Inhalt der Strafanzeigen der Gegenseite: Der Kameramann erlitt durch den Schreckschuß laut ärztlichem Attest ein Knalltrauma auf dem linken Ohr, der Vermieter einen Schock.
Werner S., der sich ständigen Schikanen ausgesetzt fühlt, spricht von kalkuliertem "Psychoterror" gegen seine ohnehin angegriffene Gesundheit und von einer "überfallartigen Kahlschlagaktion". Schon lange gingen er und seine Frau aus Angst vor Überfällen und Bedrohungen nur noch mit Handy und Messer aus dem Haus.

Und die Wildwest-Szenen vor seinem Haus, in denen er mehrere Schüsse auf Personen richtete, die sich dort angemeldet wähnten? "Ich bin entgleist", gesteht der Schütze ein. Und, fast entschuldigend: Hätte er vorher von der Aktion erfahren - aber so...
Die Polizei in Himbergen "hat die Ermittlungen längst nicht abgeschlossen". Mehr will sie zu den Vorfällen nicht sagen.